
Ich stieg weiterhin kontinuierlich im Rang auf. Meine Fertigkeiten als Zauberer übertrafen die der meisten anderen Daeva, und noch bevor ein Jahr vergangen war, erhielt ich das Kommando über eine ganze Legion. Die Kämpfe waren unerbittlich. Eines ums andere Mal drohten die Balaur uns zu vernichten, doch die empyrianischen Gebieter hielten stets ihre schützende Hand über uns. Mit unseren Fertigkeiten verbesserte sich auch unser taktisches Verhalten, bis es uns schließlich gelang, ihre jüngeren und unbedachtsameren Drachen zu besiegen, vor denen wir uns anfangs noch hinter unseren Ätherschild geflüchtet hatten. Es waren vorsichtige erste Schritte, doch wie alle Eltern wissen, muss ein Kind erst krabbeln lernen, bevor es aufrecht gehen kann.
Dann kam der Tag, der uns alle aus der Bahn warf.
Lord Israphel, einer der beiden Wächter des Turms der Ewigkeit, – Lord Israphel, der die Drachengebieter hasste wie kein anderer, – verkündete, dass wir Frieden mit ihnen schließen sollten. Seine Begründung war, dass wir nicht Krieg führten, um die Balaur zu vernichten. Wir führten Krieg, um Aion zu beschützen.
Ich war verblüfft, dass einer unserer Retter so wankelmütig sein konnte, verblüfft, dass sein Mut und seine Entschlossenheit ihm so … so plötzlich abhanden gekommen waren. Unter den empyrianischen Gebietern herrschte zunächst blanke Bestürzung. Zu diesem Zeitpunkt schien selbst die Aussicht auf einen Frieden undenkbar … und der Frieden selbst ein Ding der Unmöglichkeit. Für uns alle bestand kein Zweifel: Israphels Vorschlag war absurd.
Und dennoch dauerte es nicht lange, bis sich zeigte, dass die schwächeren unter den Gebietern dem Kampf von Anfang an nicht gewachsen waren und sich danach sehnten, von dieser heroischen Verpflichtung entbunden zu werden. Lady Ariel war die erste, die kapitulierte. Mit zuckersüßen Worten lobte sie Israphels Voraussicht, seine Weisheit, seine Tapferkeit – Tapferkeit! – die er mit seinem Vorschlag bewiesen habe. Sie besaß die Unverschämtheit, uns, als Daeva, vorzuschreiben, wie wir zu denken und zu handeln hätten.
Wie schnell sie und ihre Anhänger doch die tausend Jahre bitterster Opfer vergaßen. Wie leichtfertig sie das von unserem Volk vergossene Blut ignorierten.
Doch einige der anderen Gebieter hatten ihren stählernen Kampfeswillen noch nicht verloren. Als Daeva hatte ich einige unserer Gebieter persönlich kennen gelernt, und der, mit dem ich am besten auskam, war der große und ehrwürdige Lord Asphel. Seine Entschlossenheit war unbeirrbar, und bei seinen Missionen waren wir immer am erfolgreichsten gewesen. Sein Talent und sein Gebahren dienten vielen von uns als Vorbild; und als Ariels erbärmliches Flehen durchzudringen begann, bemerkte ich die Grimasse in Asphels Gesicht und wusste sofort, auf welcher Seite ich stand. Er stand dagegen auf, und wir standen zu ihm. Er verurteilte Ariel wegen der Verachtung, die sie unseren Märtyrern entgegengebracht hatte, und verurteilte ihre Friedensanbahnung als törichte Zeitverschwendung.
In der Halle tobte der Aufruhr. Der Lärm klingt mir noch in den Ohren … das Geschrei, die Verwirrung, die hassvollen Anschuldigungen, die jede Seite der anderen entgegenschleuderte. Ich beobachtete, wie Israphel mit leidenschaftlichen Worten auf Siel einredete, die ihm mit ernster Miene zuhörte. Israphel behauptete, wir könnten Aion anstatt durch den andauernden Krieg durch Friedensanstrengungen verteidigen. Zu meinem Entsetzen sah ich, wie Siel ihm zunickte.
Um wengistens ein Mindestmaß an Eintracht zu bewahren, fassten wir den Beschluss, die große Versammlungshalle zu räumen und die zwölf empyrianischen Gebieter ihren Verhandlungen zu überlassen. Ich verließ den Ort zusammen mit meinen Kampfgefährten, die wie ich wußten, dass Lord Asphels Sache die einzig gerechte war. Viele andere stahlen sich jedoch im Schutz der Nacht davon, nachdem sie ebenfalls Gruppen gebildet hatten. Es zeichneten sich bereits zwei verschiedene Lager ab, je nachdem, ob man sich den Standhaften oder den Schwächlingen zurechnete.
Geduldig warteten wir auf den Ausgang jener Nacht. Ich erinnere mich noch genau; ich blickte in die Ferne, sah die lodernden Flammen am Horizont und wusste genau, dass zwischen uns und den Balaur nie Frieden herrschen würde. Ich dachte zurück an die Jahrzehnte unaufhörlichen Kämpfens, ich sah die finsteren, seelen- und gnadenlosen Augen der Balaur vor mir, wie sie ohne jegliches Zögern meine Freunde und meine Familie niedermetzelten, angetrieben von nichts als einem bestialischen Streben nach Macht.
Ich wusste, Siel würde Israphels Vorschlag zurückweisen. Ich wusste, Asphel würde sich für seine Sache, für unsere Sache stark machen, und die anderen würden schließlich Vernunft annehmen, sogar Lady Ariel. Das wusste ich einfach; doch als die empyrianischen Gebieter schließlich wieder hervorkamen, traf die getroffene Entscheidung mich bis ins Mark und ließ meine gesamte Legion erschauern. Lady Siel hatte nachgegeben. Trotz all unserer Proteste hatten Israphel und sie als Wächter des Turms die oberste Autorität über die Zwölf inne. Die Entscheidung war unumstößlich. Wir würden mit den Balaur verhandeln. Schon hörte ich Ariels triumphierende Stimme sich über das überraschte Gemurmel erheben und die albernen Friedensgesänge ihrer fehlgeleiteten Anhänger erklingen.
Dann kam Asphel aus der Halle, die Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben. Als er fortging, eilte ich ihm nach, und eine beträchtliche Anzahl Daeva folgten uns.





