Kapitel 6 – Nachbeben

3 Februar 2009 um 13:26 geschrieben von Shinrei

Ganz allmählich gewöhnten unsere Augen sich an die Umgebung und wir konnten gegenseitig unsere Umrisse ausmachen. Unser Volk war geschockt, am Boden zerstört; keiner wusste, wie wir überhaupt überlebt hatten. Ich wies die anderen an, ein Lager aufzuschlagen und sich warmhalten; dann brach ich auf in Richtung des schwelenden Stumpfes, der von unserem Turm übrig geblieben war.

Dort entdeckte ich, dass wir Glück im Unglück gehabt hatten: Die fünf empyrianischen Gebieter, die ausgesandt worden waren, um Aion vor dem Untergang zu bewahren, waren noch am Leben. Sie riefen uns alle zusammen, um zu verkünden, dass unsere Welt sich unwiederbringlich geändert hatte, und warum. Die fatalen Folgen des gescheiterten Friedensschlusses: Millionen der Unseren hatten ihr Leben gelassen, und Siel und Israphel, die beiden Wächter des Turms, hatten sich geopfert, um viele andere vor demselben Schicksal zu bewahren. Die beiden hatten einen schrecklichen Fehler begangen, doch ihr Tod war ehrenvoll gewesen, und wir gedachten ihrer in andächtiger Stille.

Bald darauf kehrte ich zu unserem provisorischen Lager zurück und half, ein riesiges Feuer zu entfachen, um weitere Überlebende herbeizurufen. In den nächsten Tagen fanden Tausende zu uns, schwer gezeichnet von den grauenvollen Geschehnissen, die ans Licht gekommen waren. Ich hatte das große Glück, meinen Sohn Phalaris unter den Überlebenden zu finden, doch sonst war niemand aus meinem Heimatdorf übrig geblieben.

Tage und Wochen vergingen. Es wurde klar, dass unsere Welt, die in ihren Grundfesten erschüttert worden war, sich stabilisiert hatte, und wir unser Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen konnten. Aion schien uns jedoch verlassen zu haben, zusammen mit dem Äther, der mir meine Kraft verliehen hatte. Zum ersten Mal seit langer Zeit kam ich mir wieder angreifbar vor. Um mich nicht völlig der Angst zu überlassen, sprach ich mit Asphel und machte Pläne, um eine neue Heimat für uns alle zu gründen. 

750 lange Jahre vergingen, und in dieser Zeit veränderten sich unzählige Dinge. Bald ging uns das Brennholz aus, doch unsere Augen hatten sich bereits auf die eindringende Dunkelheit eingestellt. Wir erbauten unsere Siedlung, die wir Pandämonium nannten, und die schon bald zu einer großen Stadt heranwuchs. Ich sah, wie unser Volk wieder aufblühte und sich allen widrigen Umständen zum Trotz weiter entwickelte, stets unter der schützenden Herrschaft unserer Seraphengebieter.

Unsere Evolution vollzog sich auch äußerlich; angesichts der uns umgebenden Finsternis wurde unsere Haut blasser, und der unebene, von scharfkantigen Bruchstücken übersäte Boden ließ unsere Füße zu Klauen werden. Auch unsere Fingernägel wurden zunehmend krallenartiger, wie um zum Ausdruck zu bringen, dass keiner aus unserem Volk je wieder unbewaffnet sein würde. Ich tat mich zunächst schwer damit, diese Veränderungen hinzunehmen, doch da sie nun einmal offensichtlich überlebensnotwendig waren, hatten wir keine andere Wahl als uns damit abzufinden. Für uns waren sie der Preis für Israphels fehlgeleiteten Friedensversuch, den Ariel so leichtfertig und unbedacht unterstützt hatte.

In dieser Zeit erlebte ich auch, wie Phalaris alt wurde und starb, und danach seine Kinder und schließlich seine Kindeskinder. So ist das Leben der Daeva.

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Der Elysische Standpunkt Einleitung
  Kapitel 1 – Eintracht
  Kapitel 2 – Eine gottlose Kreatur
  Kapitel 3 – Aufstieg
  Kapitel 4 – Feigheit
  Kapitel 5 – Die Große Katastrophe
  Kapitel 6 – Nachbeben
  Kapitel 7 – Vergeltung
  Kapitel 8 – Ein neuer alter Feind
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